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Faulsein
juttarh02

»Ich wĂŒrde dir so gerne mein Leid klagen ...«

 

Ja, wer möchte das nicht ... mal so richtig alles rauslassen, sich den Kummer von der Seele reden, das Herz befreien von all dem Druck ...

Ich war schon immer ein Freund, der schnell und ohne zu fackeln ein offenes Ohr fĂŒr die Probleme seiner Mitmenschen hatte. Einfach zuhören, ein wenig Trost spenden, sich einfĂŒhlen in den verwirrten Magen ...

Oft blieb ich stehen wie ein beladener Esel, dem immer noch ein PĂ€ckchen auf den RĂŒcken gesattelt wurde, um vor Wut und Entsetzen buckelnd davonzulaufen. Im Haus der RĂ€uber angekommen legte der Esel die Pakete fein sĂ€uberlich vor sich hin und begann, die kreuz und quer verschachtelten Klebestreifen folgsam und ergeben von der Verpackung zu lösen.

»Es muss doch auch mal erlaubt sein, sich auszuheulen!«

Wie ist das mit der »UnfÀhigkeit zu trauern« der Nachkriegsgenerationen? Sind wir nicht stets umzingelt von traurigen, klagenden und vorwurfsvollen Gesichtern?

Manch einer schlug mir Briefe oder Texte um die Ohren, in denen ich die MissstĂ€nde meines Lebens erklĂ€rte: Es sei eine Frechheit, so etwas zu schreiben. Ein tiefer Hass quoll mir entgegen, dass ich mich wie die schlimmste und gefĂ€hrlichste Bestie der gesamten Menschheit fĂŒhlte. Mit ein wenig Abstand las ich das Geschriebene erneut und wunderte mich: War mein Schreiben nicht Ausdruck der Bereitschaft, Leid zu benennen, um es gleichzeitig eigenverantwortlich zu verdauen, ohne die heimliche Erwartung, ein Prinz möge kommen, um mich vor der bösen Stiefmutter zu retten?

Die Sprache der Menschen verrÀt nicht selten ein verborgenes Geheimnis. »Heulen« ist nicht gleich »Weinen« und »Klagen« nicht gleich »Trauern«.

»Nun leg doch nicht jedes Wort auf die Goldwaage«, schallt es zurĂŒck, wĂ€hrend meine Worte auf der Viehwaage lagern, um als ĂŒbergewichtig zu gelten.

»Sagst du nicht selbst, dass es wichtig ist, sich auszutauschen? Damit das Leid auf dieser Welt kein Tabu-Thema bleibt?«

»Spuck aus, ich sortier«, ein Vorgang der Verdauung, der den Fluchtweg zur oberen Region des Körpers nimmt, statt Magen und Darm zu passieren und die Tiefe des Geschehens zu ergrĂŒnden.

Erbrechen und Durchfall in akuten KrankheitsfĂ€llen dienen der raschen Entgiftung des Lebewesens: ein nĂŒtzliches Signal. Wenn der berĂŒhmte Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt, Wut, Hass und Aggression sich einen unkontrollierbaren Weg bahnen, um blind zu treffen, wer gerade »im Weg« steht, wenn die Seele kocht und explodiert, offenbart die Not ihr ungeschminktes Gesicht.

Symptome unverdauter Konflikte ĂŒberschwemmen die Welt der intelligenten, aufgeklĂ€rten BĂŒrger, die an chronischen Verdauungsstörungen leiden, an Magersucht oder Bulimie. Die Ursachen und UmstĂ€nde fĂŒr ihre Seelenqualen bleiben bestehen, werden gepflegt, geschont oder der Gesellschaft allgemein angelastet, um sich persönlich aus der Verantwortung zu stehlen. Immer wieder begegne ich Menschen, die der Anklagen gegen den Rest der Welt mĂ€chtig sind, um zugleich in abwartender Stellung ihr GemĂŒt zu streicheln, es möge irgendwann das große Wunder geschehen.

Die chronische Meckeritis: eine Volkskrankheit der Deutschen. Von Lustlosigkeit durchwachsen, einer unbezwingbaren Sehnsucht, voller Gier nach ĂŒbernatĂŒrlicher Faszination, sollen die irdischen Retter vom Himmel fallen: Ärzte, Genies, Rock-Musiker, Schriftsteller, Prinzessinnen, Psychotherapeuten, Politiker, Lehrer, Tennis-Cracks, Astrologen, MillionĂ€re, Priester, heilige MĂŒtter der Nationen, WohltĂ€tigkeitsveranstalter, Bankiers, Showmaster, Kinder ...

Erstaunlich, wie leicht es manch einem Aufrechtgehenden fĂ€llt, sein Leid zu klagen, um anschließend beschwingt an den Ursachen vorĂŒbersprinten und neuen Kummer heraufzubeschwören: bis zum nĂ€chsten Mal, nur das eine Mal noch, ein einziges Mal, dann ist Schluss ... aber die Sucht verschwindet nicht von alleine.

So offen mein Herz fĂŒr das Leid meiner Mitmenschen ist: Werde ich als seelischer MĂŒlleimer eines SĂŒchtigen missbraucht, reagiere ich wĂŒtend, direkt und hart, um mich zu schĂŒtzen vor Ausbeutung und Vergiftung.

Oft bekam ich zu hören, ich solle nicht so hartherzig sein, wurde mir asoziales Handeln, Arroganz und Widerspenstigkeit vorgeworfen: »Nun sei doch ein bisschen netter zu dem oder der, die mögen dich doch! Schmeiß nicht so schnell das Handtuch. Einen Versuch ist es immer wert!« Die bettelnden Augen eines klagenden SĂŒchtigen verleiten, ihm nachzugeben, folgt dem Widerstand doch ein grauenerweckender Horrortrip, da der AbhĂ€ngige dem Verweigerer seinen gesamten Lebensfrust um die Ohren, besser noch mitten in die Seele spuckt.

Meine konsequente Weigerung, SĂŒchtigen als Mittel der Befriedigung ihrer AbhĂ€ngigkeit zu dienen, wird leider nicht honoriert. Stattdessen muss ich erleben, wie unwichtig ich den Klagenden war und bin, als Person, die nur Liebe und Zuneigung erfuhr, solange sie funktionierte, um den Rausch zu fĂŒttern durch seelische VerdauungstĂ€tigkeit.

Beklagen durfte ich mich bei jenen, die an der Ursache meines Leids mitwirkten, nicht. Dass ich nur schrieb, um mich und mein »hartes«, »unsoziales« Verhalten zu erklĂ€ren, um nicht auch noch dafĂŒr beschuldigt zu werden, dass ich mich schĂŒtzte, interessierte die SĂŒchtigen kaum. Jedes Wort, das ihren KlagegesĂ€ngen verwandt schien, wurde mir in den Mund geschoben, angereichert mit VorwĂŒrfen, denen der Kontakt mit den niederen Verdauungsorganen vorenthalten blieb.

Nach wie vor habe ich ein offenes Ohr fĂŒr das Leid meiner Mitmenschen. Ich unterscheide Menschen, die trauern und verdauen, von jenen, die es vorziehen, mit den Wölfen zu heulen. Um das zu tun, bedarf es weder Worte noch Bezeichnungen. Meine empfindsame Seele spĂŒrt, welchen Ursprungs TrĂ€nen sind, ob tief greifend befreiend oder hoch trabend belastend: Wahre Leidenschaft ist unbestechlich und die einzig heilsame Vorbeugung gegen chronische Meckeritis.

 

© 2002 Jutta Riedel-Henck