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Internet-Tagebuch

 

Dienstag, 5. Dezember 2000

Auf dem Weg nach Bremen hatte ich kurz vor dem Ortsschild von Grasberg eine Idee: ein Internet-Tagebuch statt Web-Cam und Big Brother mangels technischer AusrĂŒstung und fehlender Satelliten-SchĂŒssel.

Ich dachte zuvor, ob ich von nun an nicht nur noch blödes Zeug schreiben sollte, statt ewig hohe Reden zu schwingen und mich um das wahre Wort zu bemĂŒhen, das in dieser Welt so gern auf blinde GemĂŒter trifft, die lieber in wilden Phantasien und WunschtrĂ€umen schwelgen, um dann irgendwann krĂ€ftig auf die Schnauze zu fallen. Na, dann wars immerhin das Schicksal und keine dumme Schreiberin wie Jutta Riedel von Henck.

ZurĂŒck zur BanalitĂ€t.

Jana gewann das Mensch-Ă€rgere-dich-nicht-Spiel. Sie nahm wie immer die roten Figuren, ich die gelben, aus praktischen GrĂŒnden, sie stehen genau gegenĂŒber. ZunĂ€chst sah es gut aus fĂŒr mich, ich wĂŒrfelte die erste sechs. Zwischendurch biss ich in den Berliner mit Zuckerguss und trank heißen Kakao mit Sahne, hatte ich eine Ewigkeit nicht mehr genossen, war sehr lecker. Jana schleckte an ihrem Eis, hatte einen komischen Namen, irgendwas wie Extremo Duo oder so. Die Waffel war ihr dann allerdings zu pappig.

Pommes gab es in dem Kasino von Radio Bremen leider keine, Jana fragte vergeblich, nutzte aber die Gelegenheit, sich noch ein kleines PĂ€ckchen mit ZuckerwĂŒrfeln zu greifen und spĂ€ter am Tisch auszupacken. NatĂŒrlich hat sie die nicht bloß angeguckt.

In Lilienthal der ĂŒbliche Stau, das „Nadelöhr“ genannt. Mein linker Fuß begann fast schon zu qualmen, so oft musste ich die Kupplung treten. Dann beschlugen die Scheiben, weil die HeizungslĂŒftung die Abgase von dem Vormirbrummer in meine Nase gedĂŒnstet hĂ€tte. Ja, ich sollte nur noch so richtig blöd schreiben. Ich glaub, das isses!

Echt schnaffte.

(ich konnte auch sonst schon bescheuert schreiben, is eigentlich nix Neues. Braucht bloß die entsprechende BirnenkompatibilitĂ€t zum Oberhirn rechts außen ... hab hier noch ne Menge son Zeug rumliegen ... )

 

21 Uhr 51 MEZ

Kleiner Plausch mit dem Nikolaus. Er klagt rum, von wegen, die Straßenlaternen blenden und die Autorouten seien zu schwer geworden. Bat mich um Hilfe, konnte sie ihm nicht abschlagen. Armer Kerl. Nun muss ich noch Schokoladenkugeln suchen, weil er sie aus Versehen unterwegs selbst weggefuttert hat. Hoffentlich gibt’s noch welche unten im Schrank. Sind normalerweise immer vorrĂ€tig. Weiß aber nicht, ob Ede neuerdings so was mag. Ist ziemlich fett geworden, scheint verdĂ€chtig.

 

8. Dezember 2000

Post vom Weihnachtsmann per E-Mail. Will sich dieses Jahr outen. Soller doch.

Jott von S. hat die Seriennummer aufgefressen. Musste ihm ein Dublikat zum Nachtisch schicken. Blöde DiĂ€t, gibt’s da nix Besseres?

Zwei QuarkbĂ€llchen hatte ich noch von gestern. Sind jetzt weg. Dublikat steht nicht im Duden, nur Dublette. Sind das die mit JogurtfĂŒllung in Schokolade? Muss ich mal im KĂŒhlschrank nachgucken. Blöder Duden!

Werde den Stempel holen mĂŒssen, um den Duden zu verbessern. Alles muss man heute selber machen! Was ist eigentlich ein Doppelbrief?

Gute Tat heute: habe Herberts Lineal verdoppelt. Ging ganz leicht, brauchte mich nur draufzuknien.

 

9. Dezember 2000

Komme gerade aus der Tanzschule. Seit langem mal wieder einen Tango probiert. SpiegelsonnenbrillentrĂ€ger. Idiot. Ist mir stĂ€ndig auf die FĂŒĂŸe gelatscht. Trug eine Heißklebepistole im GĂŒrtel. Könnte sich um den Geisterfahrer von letzter Nacht handeln. Knecht Ruprecht soll ja noch einen Bruder haben.

Ansonsten prima GeschĂ€fte im Bremervörder Rathaus. Verdreifachung der Einlage. Brauner GewĂŒrzkuchen mit bunten Zuckerstreuseln.

Max hat zugenommen.

 

14. Dezember 2000

Wilde Zeiten ... oder: das Ende der Kultur? In Bremen streiten sie wie die Kinder ... Ausverkauf der Kunst ... Ausverkauf des Schöpferischen ... nur: lĂ€sst sich das nicht kaufen. Worum wird gestritten? Um den Schein, die Lust, von außen nach innen zu holen, Einbildung nĂ€hrend ... Ausgebildet wird das zuvor Eingebildete ... aus ein ... Tag aus Tag ein ... zum Schein ... statt einfach zu sein ... es macht mĂŒde, sich stĂ€ndig dagegen abzugrenzen ... ich sollte mal wieder ein SchwĂ€tzchen mit den lieben RegenwĂŒrmern halten ...

 

21. Dezember 2000

Zwei WeihnachtsbĂ€ume sind besser als keiner. Oder einfacher ausgedrĂŒckt: „Es sind nit alle JĂ€ger, die ein Hörnlein fĂŒhret“.

 

30. Dezember 2000

Der Buntspecht pickt an Meisens Knödel, Tenöre knödeln ohnedem.

 

7. Januar 2001

Zweitausendeins – immer noch besser als zweitausendkeins.

 

7. MĂ€rz 2001

Endlich wieder mehr Musik ... trockene Zeiten ... muss doch nicht sein!

 

25. MĂ€rz 2001

Überall und doch hier und wieder ganz weg. Die Welt, hat sie ein Ende? Wenn es dies gĂ€be, kann ich nur hoffen, dass ich’s nicht fĂ€nde.

 

3. Oktober 2001

Wenn es eine Dampfwolke gĂ€be ... was fĂŒr ein Quatsch. Ein Internet-Tagebuch. All die Worte im Internet, soll ich noch etwas veröffentlichen? Es ist sinnlos. Ganz und gar sinnlos. Zeichen. Ich setze sie einfach so. Aber dann. Warum nur all die ungelebten Sinne, die sich stĂŒrzen auf die Zeichen, um sich Buchstaben um die Ohren zu schlackern? Wichtigtuereien. SaugnĂ€pfe: Stoff, Stoff, Stoff! Worte, eine Droge ... Schein ... eine Droge ... Extremismus. Ich biete ein Wort ... wenn es trifft ... ernte ich einen Schwall von Worten ... mit der BegrĂŒndung, dass ich nicht besser sei als die anderen WortschlĂ€ger, weil ich Worte in die Welt setze, Zeichen. Alle fĂŒr einen, einer fĂŒr alle? Nein. Ohne mich. Jeder fĂŒr sich selbst.

 

26. April 2002

Die Veröffentlichung ist der erste Schritt zur Prostitution. Ich war einmal, ließ ein Bild von mir, und schon springen die Vampire, seelenlose Ungeheuer, Blutsauger, geifernd und lechzend, Wanzen setzend, gierig hetzend, Ă€tzend, Ă€tzend.

 

20. Mai 2002, Pfingstmontag

Im Bild der Öffentlichkeit wird der Veröffentlichende zum Kind oder zur Mutter oder zum Papa, vergöttert idealisiert oder verteufelt idealisiert, da ja nur jene der fremden Bilder bedĂŒrfen, die sich weigern, ihre eigenen Bilder zu entwickeln, somit trĂ€gt der Konsum fremder Bilder und Schriften bereits den Akt der Unterwerfung in sich, den Drang zur Pflege eigener UnmĂŒndigkeit. Die Prostitution besteht darin, sich als Mutter oder Vater bezahlen zu lassen, besudeln, benetzen, tĂ€tscheln von jenen, die sich leisten können, Kind zu bleiben trotz fortgeschrittenen Alters. Ich frage mich immer: welche Idioten liefern diesen Ewigkeitskindern eigentlich das ganze Geld?

 

23. Juni 2002, Sonntag

Warum heißt das Tagebuch Tagebuch und nicht Nachtbuch oder Morgen-Mittag-Buch oder Abendbuch oder Jetztbuch oder Spontanbuch oder Ebenmalwasschreiben-Buch oder Larifari-Buch oder Schwafelbuch oder Dokumentation-des-Formlosen-aber-dann-doch-Formalen-Buch oder GĂ€stebuch-fĂŒr-meine-denkende-Oberweite oder Null-Buch oder einfach gar nicht?

 

25. Juni 2002, Dienstag

Da ich nichts zu sagen habe, schreibe ich einfach nichts.

 

9. August 2002, Freitag

Nein, es gibt noch keinen neuen Eintrag.

 

8. September 2002, Sonntag

Ein Tagebuch sollte besser Lockbuch heißen, weil es Leser lockt, die glauben, darin haufenweise Geheimnisse verborgen zu wissen und sie hĂ€tten im Lesen die Seele des Autors auf einen Griff erfasst. Und wieder war der Lockruf verlockend falsch. Denn sie lasen nur: sich selbst.

 

16. September 2002, Montag

Mein neues Regal macht sich gut. Dass es falsch rum steht, merkt niemand, nur jener, der es zusammengeschraubt hat.

JRHRegal

 

 

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© 2002 Jutta Riedel-Henck